Ältere Variante des Bingo: von Lotto, Bilderlotto und Housey-Housey zum modernen Bingo
Es gibt nicht nur eine ältere Variante des Bingo, sondern viele in vielen Ländern. Vom Genueser Lotto über Tombola, Lotería und Loto bis zu Housey-Housey und Beano. All das sind Vorläufer oder enge Verwandte des heutigen Bingo. Die bekannteste ältere Variante ist wohl Lotto. Hier findest du alle älteren Varianten mit Jahreszahlen. Dazu viele spannende Infos, wie sich das Bingo Spiel bis heute entwickelt hat.
Ältere Variante des Bingo: ein großer Stammbaum verwandter Spiele
Es gibt wohl nur wenige Gesellschaftsspiele, die eine so reiche Entwicklung haben wie Bingo, mit so vielen älteren Varianten. Über mehrere Jahrhunderte gab es viele verwandte Spiele. Zum Thema ältere Variante des Bingo landest du schnell beim Lotto. Dazu gehören das italienische Zahlenlotto, die Tombola aus Neapel und das französische Loto. Hinzu kamen deutsches Zahlen- und Bilderlotto, die mexikanische Lotería, amerikanisches Lotto und britisches Housey-Housey. Am Ende stehen Beano und Bingo. Die Geschichte des Bingo ist deshalb keine gerade Linie, sondern ein Stammbaum verwandter Spiele über die ganze Welt verteilt. Seine ältesten Äste führen nach Italien. Alle älteren Varianten haben ihre eigene Ausprägung, aber im Kern funktionieren sie ähnlich.
Ältere Variante des Bingo: alle Varianten auf einen Blick
Zum Thema ältere Variante des Bingo gibt’s also nicht nur eine, sondern gleich mehrere. Hier ein Überblick nach der Zeit.
Genueser Lotto, 16. und 17. Jahrhundert, Genua: Wetten auf ausgeloste Namen, später auf 90 Nummern.
Tombola, 18. Jahrhundert, Neapel: Lotto für zu Hause, Zahlen werden ausgerufen und auf Tafeln markiert.
Lotería, ab 1769, Mexiko: Lotto mit Bildern statt Zahlen, die bekannten 54 Bilder gibt es seit 1887.
Loto, spätestens 1775, Frankreich: Spiel mit 90 nummerierten Holzkegeln, 1842 mit Tafeln aus drei Reihen und neun Spalten beschrieben.
Loto Dauphin, 1775, Frankreich: verbesserte Version des Loto von François Vaugeois.
Housey-Housey, ab dem späten 19. Jahrhundert, Großbritannien: Spiel der britischen Soldaten, in der Marine Tombola genannt, auch kurz Housie.
Lotto in den USA, um 1885, New York: Spiel von McLoughlin Brothers mit 3×9 Karten und Zahlen bis 90.
Zahlenlotto, 1888 belegt, Deutschland: Gesellschaftsspiel mit Zahlen von 1 bis 90, die erste volle Reihe gewinnt.
Beano, 1920er Jahre, USA: Jahrmarktspiel, bei dem man die Zahlen mit getrockneten Bohnen abdeckte.
Der Name Bingo ist ab 1924 belegt und setzt sich ab 1929 in den USA durch.
Die Ursprünge des Bingo im italienischen Lotto (16. und 17. Jahrhundert)
Besonders wichtig in der Geschichte des Bingo war Genua. Dort wurden zweimal im Jahr fünf Mitglieder der Regierung aus 120 Kandidaten ausgelost. Die Menschen begannen, darauf zu wetten, welche Namen gezogen würden. Später bekamen die Namen Nummern. Dabei taucht eine Zahl auf, die das Spiel bis heute begleitet: 90.
Die Enciclopedia Treccani beschreibt die Entwicklung des genuesischen Lotto aus dem Giuoco del Seminario. Der Kreis der Kandidaten wurde auf 90 verkleinert, jeder Name bekam eine Nummer. Im Jahr 1634 besteuerte die Republik Genua das Spiel, zehn Jahre später vergab sie es an Pächter.
Noch sitzt hier niemand mit einer Bingo Karte am Tisch. Aber es gibt jetzt einen festen Vorrat an Zahlen, aus dem zufällig gezogen wird. Hier liegt eine der wichtigsten Wurzeln der späteren Lotto und Bingo Spiele. Das ist also wohl die älteste Variante des Bingo.
Viele Bingo Websites nennen dagegen das Jahr 1530 und den Namen Il Giuoco del Lotto d'Italia als Erfindung. Einen Beleg dafür haben wir nicht gefunden. Die Treccani nennt für den Anfang in Genua keine Jahreszahl.
Die neapolitanische Tombola als Gesellschaftsspiel (18. Jahrhundert)
Dann passiert etwas Wichtiges. Das Zahlenspiel dient nicht mehr nur der öffentlichen Lotterie, sondern auch dem gemeinsamen Spiel. Im Neapel des 18. Jahrhunderts entwickelt sich die Tombola als Spiel für zu Hause. Zahlen werden gezogen und ausgerufen, die Spieler markieren sie auf ihren Tafeln. Damit rückt das Spiel als alte Variante schon nah an das heutige Bingo heran.
Dazu gibt es eine schöne Entstehungsgeschichte. Sie spielt angeblich im Neapel des Jahres 1734. König Karl von Bourbon und der Dominikanerpater Gregorio Maria Rocco sollen darüber gestritten haben, ob das Lotto erlaubt sein sollte. Der König wollte die Einnahmen nicht verlieren, der Geistliche war aber gegen das Glücksspiel. Als Kompromiss soll das Lotto über Weihnachten ausgesetzt worden sein.
Die Neapolitaner hatten darauf wenig Lust. Also holten sie das Spiel angeblich nach Hause, zu Familie und Freunden. So soll die Tombola entstanden sein.
Die Universität Neapel Federico II spricht dabei vom Ursprung der Tombola zwischen Mythos und Legende. Ob das so stimmt, ist also nicht ganz klar. Sicher ist nur: Aus dem öffentlichen Zahlenlotto wurden Spiele, die man gemeinsam am Tisch spielte.
Lotería: Lotto mit Bildern in Mexiko (ab 1769)
Ein eigener Ast des Stammbaums wächst in Mexiko. Über Spanien kam das Lotto 1769 nach Mexiko, zunächst als Zeitvertreib der kolonialen Oberschicht. Laut México Desconocido trugen Soldaten es im Unabhängigkeitskrieg von 1810 bis 1821 in ihre Dörfer. Seitdem gehört es auf die Plätze und Jahrmärkte des Landes. Die ersten Bildkarten tauchten in den 1860er und 1870er Jahren auf. Ab 1887 druckte der französische Unternehmer Clemente Jacques die 54 Bilder, die heute in fast jedem mexikanischen Haushalt bekannt sind.
Die Lotería ist damit auch eine ältere Variante des Bingo. Statt Zahlen stehen Bilder auf dem Spielbrett. Der Cantor ruft keine Zahl aus, sondern ein Bild, oft mit einem kurzen Vers. Markiert werden die Bilder am liebsten mit Bohnen oder Maiskörnern, schreibt ein Band des Verlags des Bundesstaats México. Bis heute spielen in Mexiko ganze Familien über Generationen damit. Wie sie funktioniert, steht im Artikel über mexikanisches Bingo.
Französisches Loto im 18. Jahrhundert (spätestens 1775)
Die nächste Station ist Frankreich, und damit die nächste ältere Version des Bingo. Nach Frankreich kam das Spiel aus Italien. Laut der Encyclopædia Universalis taucht das Familien-Loto in Frankreich erst nach 1750 auf, sein Ursprung liegt in Genua. Die Lotterie nach Genueser Vorbild brachte der Venezianer Giacomo Casanova nach Frankreich. Er kam 1757 nach Paris und baute mit den Brüdern Calzabigi eine Lotterie nach Genueser Vorbild auf. Mit dem Geld wurde die Militärschule École militaire finanziert, genehmigt per Erlass des Staatsrats von 1757.
Spätestens im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gibt es in Frankreich auch Loto als Gesellschaftsspiel. Der Pariser Spielehersteller François Vaugeois stellte solche Spiele her. Die Morgan Library in New York besitzt ein Jeu de loto von François Vaugeois aus den 1770er Jahren. Zu dem Spiel für acht Personen gehören 90 Holzkegel mit den Nummern 1 bis 90. Das Spiel ist deutlich aufwendiger gebaut als ein heutiges Bingo. Daraus folgt nicht, dass man schon in den 1770er Jahren auf den heutigen Karten spielte. Sicher ist: Loto und die Zahlen 1 bis 90 gab es.
Im Jahr 1775 entwickelte Vaugeois eine verbesserte Version, das Loto Dauphin. Ein erhaltenes Loto Dauphin in den Heritage Collections der Stadt Brüssel stammt aus der Zeit zwischen 1775 und 1799. Das Museum nennt es eine verbesserte Version des klassischen Loto, die Vaugeois 1775 schuf.
Hatte französisches Loto schon die heutige 90er Karte?
Auf vielen Bingo Websites steht, französische Adlige hätten um 1778 auf Karten mit drei Reihen und neun Spalten gespielt. Mit fünf Zahlen pro Reihe und 15 Zahlen insgesamt wäre das die heutige 90er Bingo Karte. Einen Beleg aus dieser Zeit für diese Karte haben wir nicht gefunden. Das Jahr 1778 stammt vermutlich aus einer anderen Angabe: Laut Encyclopaedia Britannica ist Lotto als Kinderspiel erstmals 1778 belegt. Wie die Karten aussahen, sagt diese Angabe nicht.
Belegt sind das französische Loto und die 90 Zahlen. Für die heutige Karte haben wir einen viel besseren Beleg, einige Jahrzehnte später.
Die 90er Bingo Karte ist spätestens 1842 dokumentiert
Im Jahr 1842 erscheint in einer französischen Zeitschrift für Mathematik ein Aufsatz des Autors Du Haÿs. Sein Titel lautet „Du jeu de loto“, auf Deutsch: Über das Lottospiel. Du Haÿs wollte die Mathematik des Spiels verstehen. Deshalb beschreibt er genau, womit gespielt wird.
Die Originalausgabe von „Du jeu de loto“ aus dem Jahr 1842 zeigt ein Loto mit den Zahlen 1 bis 90. Jede Tafel hat drei Reihen und neun Spalten. In jeder Reihe stehen fünf Zahlen und vier leere Felder, auf der Tafel also 15 Zahlen. Wer heute 90 Ball Bingo spielt, dem kommt das bekannt vor. Genau so ist eine heutige 90er Bingo Karte aufgebaut, wie der Artikel über Bingo Karten zeigt.
Außerdem rechnet Du Haÿs mit Serien aus sechs Tafeln. Das erinnert stark an den heutigen Streifen aus sechs Karten beim 90 Ball Bingo. Dass der heutige Streifen direkt von diesen Tafeln abstammt, ist damit aber nicht bewiesen.
Die Grundform der heutigen 90er Bingo Karte gab es spätestens 1842. Das war lange bevor sich der Name Bingo durchsetzte.
Bilderlotto und Lernlotto (ab Ende des 18. Jahrhunderts)
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts nimmt das Spiel eine spannende Entwicklung. Das Lotto landet im Kinderzimmer. Damit entsteht eine Idee, die heute sehr beliebt ist: das Bilderbingo. Statt Zahlen haben es also Bilder auf die Tafeln geschafft.
Das Deutsche Spielearchiv Nürnberg schreibt, dass Lotto, Lotterie und Bingo schon Ende des 18. Jahrhunderts in die Kinderzimmer kamen. Laut Archiv wurde das verpönte Glücksspiel Lotto zur Vorlage für eines der beliebtesten Lernspiele für Kinder. Wie nah die Herkunft noch lag, zeigt ein Bilderlotto der Nürnberger Firma J.W. Spear & Söhne von 1913. Gespielt wurde dort um Papiermarken, die man zu Beginn einsetzte und die am Ende die beiden Besten bekamen.
Im 19. Jahrhundert gab es Bilderlotto, Rätsellotto, Lese-Lotto und Lernlotto. Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig besitzt historische Bilder- und Rätsellotto-Spiele aus dem 19. Jahrhundert. Ein Bilderlotto stammt aus der Zeit um 1830 bis 1880, ein Rätsellotto aus der Zeit um 1830 bis 1870.
Das Prinzip kennen heutige Spieler sofort. Ein Bild oder Begriff wird gezeigt oder ausgerufen. Wer ihn auf seiner Tafel findet, deckt das Feld ab, und die Tafel füllt sich. Gewonnen hat, wer zuerst fertig ist.
Was Bilderlotto mit modernem Themenbingo verbindet
Heute gibt’s nicht mehr nur Zahlenbingo. Wir spielen Weihnachtsbingo mit Weihnachtsmotiven, Tierbingo mit Bildern und Hochzeitsbingo mit Begriffen. Dazu kommen Kinderbingo mit Gegenständen, Musikbingo, Reisebingo und viele weitere Themen.
Die eigentliche Idee des Bilderbingos ist aber schon viel älter. Lotto mit Bildern oder Lerninhalten statt Zahlen ist seit rund zwei Jahrhunderten nachweisbar. Bis heute lebendig ist zum Beispiel die mexikanische Lotería, die du weiter oben kennengelernt hast.
Ob das eine jetzt vom anderen abstammt, ist nicht belegt. Beide gehören aber zur selben großen Spielfamilie. Etwas wird gezeigt oder ausgerufen, du findest es auf deiner Karte und markierst es. Themen- und Bilderbingo sind also keine Erfindung der modernen Partyspiele.
Lotto in den USA um 1885
Weiter geht es über den Atlantik. Dort wartet eine der größten Überraschungen der Bingo Geschichte.
Der New Yorker Spielehersteller McLoughlin Brothers verkaufte um 1885 ein Spiel namens Lotto. Ein erhaltenes Lotto von McLoughlin Brothers aus der Zeit um 1885 hat 24 Karten. Jede Karte hat drei Reihen mit neun Feldern und fünf Zahlen pro Reihe. Dazu gehören nummerierte Holzplättchen mit den Zahlen bis 90. Ein schönes Detail: Auf der Schachtel spielen Kinder gemeinsam Lotto.
Auch für das klassische Zahlenbingo gibt es einen guten deutschen Beleg. Meyers Konversations-Lexikon von 1888 beschreibt Lotto als beliebtes Gesellschaftsspiel.
Die Karten haben drei Reihen mit je neun Feldern. In jeder Reihe stehen fünf Zahlen zwischen 1 und 90, vier Felder bleiben leer. Ein Ausrufer zieht Nummern aus einem Beutel, die Spieler decken passende Zahlen auf ihren Karten ab. Als Gewinn nennt die Beschreibung des Lotto in Meyers Konversations-Lexikon von 1888 unter anderem die Quinterne. Das ist die erste Reihe mit fünf Zahlen, die komplett abgedeckt ist.
Einem 90 Ball Bingo Spieler käme das heute sofort bekannt vor. Nur heißt das Spiel 1888 noch Lotto. Selbst im Kreuzworträtsel lautet die Lösung für „ältere Variante des Bingo“ bis heute LOTTO.
Housey-Housey und Tombola bei britischen Soldaten (1880 bis 1914)
Großbritannien gilt heute als Bingo Land. Wie kam das Spiel dorthin? Die britische Historikerin Carolyn Downs hat die Geschichte des Bingo in Großbritannien erforscht. In der Zeitschrift History Today schreibt sie, das Spiel habe wohl im späten 19. Jahrhundert bei den Streitkräften begonnen. Vielleicht kam es aus Malta, wo es um die Mitte des Jahrhunderts verbreitet war. Ab 1890 war es erlaubt, um damit Geld für die Kasse der Messe zu sammeln.
Laut Encyclopaedia Britannica war es die einzige Form des Glücksspiels, die in den britischen Streitkräften erlaubt war. In der Royal Navy hieß das Spiel Tombola, der Name ist seit 1880 belegt. Bei der Armee hieß es House oder Housey-Housey, belegt seit 1900.
Der Name kommt vom Ruf „House!“, mit dem der Gewinner seine volle Karte meldete. Das Collins Wörterbuch führt ihn wahrscheinlich auf „full house“ zurück, also ein volles Haus. Als der Erste Weltkrieg begann, war das Spiel in Armee und Marine schon seit Jahrzehnten erlaubt.
Noch 1966 erinnerte ein Lord im britischen Oberhaus daran, dass Tombola zu den erlaubten Glücksspielen der Royal Navy gehört. Derselbe Redner erzählte, bei ihm zu Hause sei sonntags ein biblisches Lotto erlaubt gewesen. Erst jetzt habe er gemerkt, dass das nichts anderes als Bingo war. Ein anderer Lord sagte in der Debatte, das englische Bingo sei der direkte Nachfolger von Housey-Housey.
Housey-Housey als Trench Game im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918)
Dann beginnt der Erste Weltkrieg. Und die ältere Version des Bingo „Housey-Housey“ feiert einen Erfolg als Trench Game, also als Spiel für die Schützengräben. Das National Army Museum in London besitzt ein Housey-House Bingo Trench Game aus dem Ersten Weltkrieg. Es stammt aus der Zeit um 1914 bis 1918 und wird mit der Westfront in Verbindung gebracht. Auch die Liddle Collection der Universität Leeds hat ein Housey-Housey-Spiel aus der Zeit von 1914 bis 1918. Erhalten sind 26 Karten und mehr als 100 Marker aus Glas und Pappe.
Solche kleinen Dinge zeigen, wie Soldaten abseits der Kämpfe ihre Freizeit verbrachten. Ein Satz Karten, ein paar Marker, jemand ruft Zahlen aus, und für eine Partie zählt nur die eigene Karte. Housey-Housey im Ersten Weltkrieg ist keine später erfundene Legende. Die Spielsachen gibt es noch heute. Hier konnten Soldaten um Preise spielen und ihren sonst grauen Alltag spielerisch etwas aufhellen.
Ein Soldatenbrief aus dem Jahr 1916
Noch näher kommt man der Geschichte mit einem erhaltenen Brief. Am 19. Juli 1916 schreibt der Soldat Clifford Atchison an seine Mutter. Darin erwähnt er, was einige Männer im Lager gerade tun: „some fellows were playing housie“. Übersetzt: Ein paar Männer spielten Housie.
Der Brief von Clifford Atchison vom 19. Juli 1916 ist deshalb interessant, weil er so nebensächlich ist. Es ist kein Werbetext und keine spätere Ursprungsgeschichte. Ein Soldat schreibt seiner Mutter und erwähnt nebenbei ein Spiel im Lager. Housey-Housey wurde 1916 schon von Soldaten gespielt.
Soldaten und die ältere Variante des Bingo: der Krieg als Wegbereiter
Auffällig ist, wie oft Soldaten und Armeen in der Geschichte der älteren Varianten auftauchen. In Frankreich finanzierte die Lotterie nach Genueser Vorbild ab 1757 die Militärschule in Paris. Mexikanische Soldaten des Unabhängigkeitskriegs trugen das Lotto in ihre Dörfer, aus dem später die Lotería wurde. Britische Soldaten und Matrosen spielten Housey-Housey und Tombola, das einzige erlaubte Glücksspiel der Truppe. Im Ersten Weltkrieg lag es in den Schützengräben der Westfront.
Auch im Zweiten Weltkrieg ging es weiter. Eric Morley, später Gründer der Miss-World-Wahl, war damals Unterhaltungsoffizier der britischen Armee. Dabei organisierte er viele Runden Housey-Housey, schreibt Carolyn Downs in einer Fachstudie. Nach dem Krieg ging Morley zum Unterhaltungskonzern Mecca und führte dort 1961 das gewerbliche Bingo ein. Im selben Jahr erinnerte sich ein Redner im britischen Parlament: „In the Forces we called it Housey-Housey.“ Übersetzt: Bei der Truppe nannten wir es Housey-Housey.
Nicht überall spielte das Militär eine Rolle. Genua, die Tombola in Neapel und das amerikanische Beano kamen ohne Soldaten aus. Wo die Truppe aber dabei war, reiste das Spiel mit. Eine naheliegende Erklärung: Soldaten haben viel Wartezeit und wenig Abwechslung. Ein Spiel mit Karten, ein paar Markern und einem Ausrufer passt in jedes Lager. Wer nach Hause kommt, bringt es mit.
Hugh J. Ward und Beano auf amerikanischen Jahrmärkten (1920er Jahre)
Während sich Housey-Housey in Großbritannien verbreitet, entsteht in den USA eine andere Spielwelt: das Jahrmarktspiel. Eine wichtige Figur ist Hugh J. Ward. Die Library of Congress beschreibt Hugh J. Wards Rolle in der Bingo Geschichte. Ward betrieb das Spiel ab Anfang der 1920er Jahre auf Jahrmärkten in Pittsburgh und im Westen Pennsylvanias. Er trug viel dazu bei, die Jahrmarktversion zu verbreiten und ihre Regeln festzulegen.
Wie Ward sein Spiel in den 1920er Jahren nannte, verrät die Library of Congress nicht. Belegt ist der Name einer Jahrmarktvariante: Beano. Beano ist damit die direkte ältere Variante des Bingo, das Lowe bekannt machte. Laut Library of Congress kommt der Name von den getrockneten Bohnen, die als Marker dienten. Das Spiel war einfach. Eine Zahl wurde ausgerufen, und wer sie auf seiner Karte hatte, legte eine Bohne darauf. So ging es weiter, bis jemand alle nötigen Zahlen abgedeckt hatte. Als Bingo Anfang der 1930er Jahre boomte, brachte Ward eine Version für zu Hause heraus. Im Jahr 1933 ließ er dafür beim US Copyright Office ein Regelwerk mit dem Titel „Bingo“ registrieren.
Edwin S. Lowe macht Bingo ab 1929 bekannt
Lowe war Spielwarenhändler aus New York. Im Jahr 1929 stieß er auf einem reisenden Jahrmarkt bei Atlanta auf Beano. Die Library of Congress beschreibt diese Begegnung und sagt, dort wurde nach den Regeln von Hugh J. Ward gespielt. Lowe sah zu, wie Nummern ausgerufen wurden und die Spieler ihre Karten mit Bohnen abdeckten.
Er erkannte, dass sich mit dem Spiel Geld verdienen ließ. Lowe nahm die Idee mit nach New York, spielte mit Freunden und entwickelte danach eigene Versionen. So wurde er zu einer der wichtigsten Figuren des amerikanischen Bingo, aber nicht zu seinem Erfinder.
Als Lowe 1929 Beano entdeckt, gibt es französisches Loto und deutsches Zahlen- und Bilderlotto schon lange. Auch amerikanisches Lotto, britisches Housey-Housey und die amerikanischen Jahrmarktspiele gab es bereits. Lowe steigt in eine Geschichte ein, die längst läuft.
Woher stammt der Name „Bingo“?
Es folgt eine der bekanntesten Geschichten rund um Bingo. Der Überlieferung nach veranstaltet Lowe nach seiner Rückkehr eine Beano Partie. Eine Spielerin steht kurz vor dem Gewinn, die passende Zahl fällt. Vor Aufregung ruft sie statt „Beano!“ plötzlich „Bingo!“. Lowe hört das Wort und soll sofort gewusst haben, dass das Spiel so heißen muss.
Eine schöne Geschichte, die vom Strong National Museum of Play allerdings ausdrücklich als Legende bezeichnet wird. Ob’s stimmt oder nicht, ist auch egal. Sie hört sich gut an!
Spannend ist aber ein Blick ins Wörterbuch. Laut dem Etymologie-Wörterbuch Etymonline ist Bingo als Name eines Lotto-ähnlichen Glücksspiels schon ab 1924 belegt. Das ist fünf Jahre bevor Lowe auf dem Jahrmarkt stand. Den Namen gab es also schon, bevor Lowe ihn übernahm. Auch Hugh J. Ward nannte sein Regelwerk 1933 Bingo, da boomte das Spiel bereits. Wer das Wort zuerst für das Spiel benutzte, ist nicht belegt. Sicher ist nur: Lowe machte den Namen mit seinen Spielen im ganzen Land bekannt.
Carl Leffler und die 6.000 Bingo Karten: Fakt oder Legende?
Auch Bingo hat seine Legenden. Eine handelt von einem Mann namens Carl Leffler, der in den Erzählungen als Mathematikprofessor gilt. Edwin S. Lowe soll ihn beauftragt haben, Tausende unterschiedliche Bingo Karten zu entwerfen. Die Zahl, die dabei immer wieder auftaucht, lautet 6.000. Manche Versionen behaupten, die Aufgabe habe Leffler den Verstand gekostet. Den Kern bestätigt das Strong National Museum of Play: Lowe ließ Anfang der 1930er Jahre von einem Mathematiker im Ruhestand über 6.000 verschiedene Zahlenkombinationen entwickeln.
Den Grund liefert eine weitere gute Geschichte bzw. Überlieferung. Ein katholischer Pfarrer aus Wilkes-Barre in Pennsylvania wollte mit Bingo Geld für seine Gemeinde sammeln. Lowes Spiele gab es aber nur mit 12 oder 24 Karten, schreibt die Nachschlagedatenbank EBSCO Research Starters. Bei vielen Spielern gab es deshalb in jeder Runde mehrere Gewinner, und die Kirche zahlte drauf. Lowe brauchte also viel mehr Karten mit unterschiedlichen Zahlen.
Die Entwicklung von 75 Ball und 90 Ball Bingo
Heute gibt es zwei große Bingo Traditionen. Das 90 Ball Bingo ist die ältere Variante des Bingo in seiner heutigen Form. Später kam in den USA das 75 Ball Bingo dazu.
Entstanden ist die 75er Karte auf dem amerikanischen Jahrmarkt. Beano spielte man laut Strong National Museum of Play auf Tafeln mit von Hand gestempelten Zahlen. Der Betreiber hatte das Spiel demnach aus einem Lotto abgeleitet, das er in Europa gespielt hatte. Zurück in New York probierte Lowe neue Zahlenkombinationen auf den Beano Tafeln aus. Anfang der 1930er Jahre begann er, eigene Bingo Tafeln herzustellen.
Heute hat die amerikanische Karte fünf mal fünf Felder mit den Zahlen 1 bis 75. Die Zahl passt genau zum Namen: Über fünf Spalten stehen die fünf Buchstaben B, I, N, G und O, jede Spalte hat 15 Zahlen. Wann genau aus der langen 90er Karte die quadratische 75er Karte wurde, ist nicht belegt. Viele Bingo Seiten schreiben, das Spiel sollte damit handlicher und schneller werden. Das klingt plausibel, eine Quelle aus der Zeit dafür haben wir aber nicht gefunden. Wie beide Varianten gespielt werden, erklären die Bingo Regeln.
75 Ball Bingo in den USA
In den USA setzt sich das 75 Ball Bingo durch. Typisch ist das freie Feld in der Mitte der Karte.
90 Ball Bingo in Großbritannien und Europa
Die britische Bingo Tradition nutzt dagegen vor allem das 90 Ball Bingo. Jede Karte hat drei Reihen und neun Spalten. Darauf stehen 15 Zahlen von 1 bis 90, fünf in jeder Reihe. Hier schließt sich unsere Geschichte, denn diese Karte kennt Europa schon lange vor dem Namen Bingo. Die 90 Zahlen gibt es seit dem Lotto in Genua. Beschrieben ist die Karte 1842 für das französische Loto und 1888 für das deutsche Lotto. Auch die italienische Tombola spielt bis heute mit 90 Zahlen und Karten mit 15 Zahlen in drei Reihen. Wie die Karte nach Großbritannien kam, ist nicht belegt.
Wie alt ist die heutige 90er Bingo Karte? (mehr als 180 Jahre)
Die Grundform der Karte ist mehr als 180 Jahre alt. Wichtig ist, was damit gemeint ist. Das heißt nicht, dass 1842 das britische Bingo erfunden wurde. Es heißt: Die Karte des heutigen 90 Ball Bingo ist spätestens 1842 in einem französischen Aufsatz über Loto beschrieben. Sie hat 90 mögliche Zahlen, drei Reihen, neun Spalten und 15 Zahlen.
Das ist belegt. Die Karten sehen sich sehr ähnlich. Ob das britische Housey-Housey direkt aus dem französischen Loto entstand, bleibt aber offen.
Die Geschichte des Bingo im Überblick: alle Jahreszahlen
Zeit
Ort
Station
16. und 17. Jahrhundert
Genua
Aus einer Auslosung entsteht ein Lotto mit 90 Nummern
1634
Genua
Die Republik besteuert das Lotto, 1644 vergibt sie es an Pächter
18. Jahrhundert
Neapel
Die Tombola wird ein Spiel für zu Hause, die Geschichte von 1734 ist eine Legende
1757
Paris
Casanova baut eine Lotterie nach Genueser Vorbild auf, sie finanziert die Militärschule
1769
Mexiko
Das Lotto kommt über Spanien nach Mexiko, daraus entsteht die Lotería
spätestens 1775
Frankreich
Klassisches Loto existiert, François Vaugeois entwickelt daraus das Loto Dauphin
1842
Frankreich
Ein Aufsatz beschreibt Loto mit 90 Zahlen, 3×9 Tafeln und 15 Zahlen
Ende 18. und 19. Jahrhundert
Deutschland
Bilder-, Rätsel- und Lernlotto zeigen: Das Prinzip funktioniert auch mit Bildern
1880 bis 1900
Großbritannien
Tombola in der Royal Navy, House oder Housey-Housey in der Armee, das einzige erlaubte Glücksspiel der Truppe
um 1885
New York
McLoughlin Brothers verkauft Lotto mit 3×9 Karten und Zahlen bis 90
1887
Mexiko
Clemente Jacques druckt die 54 Bilder der Lotería
1888
Deutschland
Meyers Konversations-Lexikon beschreibt Lotto als beliebtes Gesellschaftsspiel
1914 bis 1918
Westfront
Housey-Housey ist unter Soldaten belegt, Spielmaterial und ein Brief von 1916 sind erhalten
1920er Jahre
Pennsylvania
Hugh J. Ward bringt das Zahlenspiel auf die Jahrmärkte
1924
USA
Bingo als Name eines Lotto-ähnlichen Glücksspiels erstmals belegt
1929
bei Atlanta
Edwin S. Lowe entdeckt Beano
1933
USA
Ward registriert ein Regelwerk mit dem Titel „Bingo“
1930er Jahre
USA
Bingo setzt sich als Name durch, Lowe stellt eigene Tafeln mit über 6.000 Zahlenkombinationen her
1961
Großbritannien
Eric Morley führt bei Mecca das gewerbliche Bingo ein
heute
weltweit
75 Ball, 90 Ball, Bilderbingo, Musikbingo und Themenbingo gehören zur selben Spielfamilie
Fazit: viele ältere Varianten des Bingo, aber das gleiche Spielprinzip
Bingo wurde nicht an einem Nachmittag erfunden, es hat sich über viele Jahre weltweit entwickelt. In Italien setzte man erst auf gezogene Namen, später auf Nummern. Die Franzosen spielten Loto, und deutsche Kinder deckten Bilder auf ihren Lotto Tafeln ab. In Mexiko entstand die Lotería mit ihren 54 Bildern. Um 1885 lag das 90 Zahlen Lotto auch auf amerikanischen Tischen.
Britische Soldaten und Matrosen spielten ab dem späten 19. Jahrhundert Housey-Housey und Tombola. Auf amerikanischen Jahrmärkten deckte man Zahlen mit Bohnen ab. In Mexiko markiert man die Bilder der Lotería bis heute gern mit Bohnen. Schließlich machte Edwin S. Lowe das Spiel in den USA bekannt. Erstaunlich ist, wie wenig sich die Karte verändert hat. Das 90 Ball Bingo nutzt bis heute die Grundform, die 1842 für das französische Loto beschrieben wurde. Nur in den USA wurde daraus die quadratische 75er Karte.
Namen, Karten und Motive haben sich geändert, das Prinzip blieb gleich. Jemand zieht oder nennt etwas, du suchst es auf deiner Karte und markierst es. Die Karte füllt sich, noch ein Treffer, nur noch einer fehlt. Irgendwann kommt der Moment, um den es seit Generationen geht: BINGO! Wie das Bingo Spiel heute funktioniert, zeigt unser Überblick.
Häufige Fragen zur Geschichte des Bingo
Wie heißt die ältere Variante des Bingo mit 5 Buchstaben? Die übliche Lösung im Kreuzworträtsel lautet LOTTO. Unter diesem Namen gab es das verwandte Zahlenspiel lange vor dem modernen Bingo, in Europa und im 19. Jahrhundert auch in den USA.
Ist Lotto wirklich die ältere Variante des Bingo? Im Kreuzworträtsel ja, dort lautet die Lösung für „ältere Variante des Bingo“ LOTTO. Historisch ist Lotto eher ein älteres, eng verwandtes Spiel als eine direkte Vorstufe.
Wer hat Bingo erfunden? Wahrscheinlich niemand allein. Das Spiel entwickelte sich über Jahrhunderte, vom Genueser Lotto über Tombola und Loto bis zu Beano. Hugh J. Ward verbreitete es in den 1920er Jahren auf Jahrmärkten. Edwin S. Lowe machte es ab 1929 als Bingo bekannt.
Woher kommt der Name Bingo? Als Name eines Glücksspiels ist Bingo ab 1924 belegt, also schon vor Lowe. Auf Jahrmärkten hieß das Spiel auch Beano, nach den getrockneten Bohnen als Marker. Die Geschichte von der aufgeregten Spielerin, die „Bingo!“ rief, ist eine Legende.
Was ist der Unterschied zwischen Tombola und Bingo? Die italienische Tombola ist ein Zahlenspiel mit Tafeln und eng mit Bingo verwandt. In Deutschland meint Tombola dagegen meist eine Verlosung, bei der Lose gezogen werden.
Wie alt ist die ältere Variante des Bingo? Die Wurzeln reichen ins Genua des 16. und 17. Jahrhunderts. Die heutige 90er Karte ist spätestens 1842 belegt. Der Name Bingo setzte sich erst ab 1929 durch.
Bildnachweis: Titelbild „Beano auf dem Jahrmarkt“, KI-Illustration, mamfito bingo.